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26.2.2021 : 3:46 : +0100

Mit freundlicher Genehmigung der "Enzyklopädie des Europäischen Ostens" (EEO) an der Universität Klagenfurt

1 Die Herrschaft der Goldenen Horde in Russland (1223–1502)

1.1 Militärische Eroberungen

Im 12. Jh. einigte Dschingis Khan die mongolischen und türkischen Hirtennomaden Innerasiens. Es bildete sich unter seinen Nachfolgern ein Großreich, das sich von Korea und China bis nach Osteuropa erstreckte. Die von Mongolisten und Turkologen aufgestellte „altaische Hypothese“ spricht von einer Verwandtschaft zwischen den mongolischen und türkischen Sprachen. Die Quellenlage zur Geschichte der mittelalterlichen Herrschaft der M. über die Rus ist spärlich, da nur wenige Urkunden an die russische Geistlichkeit erhalten sind. Erst ab dem 15. Jh. ist der Briefwechsel zwischen den Moskauer Großfürsten und den Krimkhanen erhalten, der den Zerfall der Goldenen Horde reflektiert. Eine wichtige Quelle stellen Reiseberichte dar, wie z. B. Guillaume de Rubruk (1253).

Spärliche Hinweise finden sich in den litauischen, polnischen und ungarischen Chroniken, die lediglich die mongolischen Kriegszüge nach Osteuropa erwähnen, jedoch keine Informationen zur mongolischen Gesellschaft enthalten. 1223 vernichtete eine mongolische Vorhut ein Heer aus Russen und Kumanen an der Kalka, nördlich der Krim. Jedoch erst nach der Eroberung Chinas (1234) wandten sich die M. in mehreren Feldzügen gegen die russischen Fürstentümer und stießen 1241 sogar bis nach Schlesien, wo sie bei Liegnitz ein deutsch-polnisches Heer unter Führung Herzog Heinrichs II. von Schlesien vernichteten, und bis zur Adria vor. Doch als Dschingis Khans Sohn Ögedei Khan (türk. Ögedey Kağan) in Karakorum starb, wurde die Eroberung Europas abgebrochen. Auf ihrem Rückzug verwüsteten die M. Polen (Krakau), Ungarn, Albanien und Serbien. Lediglich Bulgarien geriet in tributäre Abhängigkeit. Unter den Enkeln Dschingis Khans verselbständigten sich zunehmend die Herrschaftsgebiete. Das westlichste Teilreich, die Goldene Horde, hatte sein Zentrum in Sarāy (arab./pers., russ. Saraj, osman. Saray) an der Wolga, von wo aus der Ost-West-Handel kontrolliert wurde. Gegenüber der Rus praktizierte Khan Batū eine Herrschaftspolitik des „divide et impera“. Die oberste Fürstenwürde wurde Aleksandr Jaroslavovič übertragen, der im Auftrag des Khans im Winter 1254/55 eine Zählung der Steuerpflichtigen verfügte, doch gab es bereits in den fünfziger und sechziger Jahre Aufstände in Rostov, Vladimir, Suzdalʹ und Jaroslavl’ gegen die mongolische Tributherrschaft.

1.2 Kultur und Verwaltung

Die M. an der Wolga pflegten den schamanistischen Glauben ihrer Heimat, damit unterschieden sie sich nicht von den an der Wolga siedelnden Turkvölkern. Unter Khan Berke erfolgte allerdings in den vierziger Jahren des 13. Jh. der Übertritt zum Islam. Einen wesentlichen Einfluss auf die Wolga–M., aus denen durch ethnische Vermischung mit den Turkvölkern die Tataren hervorgingen, übte die muslimische Theologie Bucharas aus. Gegenüber den christlich-orthodoxen Russen verfolgten die M. den Grundsatz religiöser Duldung. Dies zeigte sich u. a. an der Steuerfreiheit für die russische Geistlichkeit. Die Gnadenbriefe, die den orthodoxen Metropoliten verliehen wurden, dokumentierten die kirchliche Macht gegenüber den russischen Großfürsten. In ihren Privilegien bestätigt, zeigte sich die russisch-orthodoxe Kirche loyal gegenüber den Khanen, dafür verzichtete sie allerdings auf eine Mission unter den M. Von einem „Tatarenjoch“, wie von der nationalrussischen Historiographie tradiert, kann daher nicht gesprochen werden. Der Einfall der M. hatte gerade in der Anfangszeit negative Folgen, denn er bewirkte eine Abwanderung der russischen Bauern aus dem Steppengürtel in die Wälder des Nordens. Die inneren Zerfallserscheinungen innerhalb der Golden Horde, die in der Struktur der nomadischen (rivalisierenden) Steppenverbände begründet liegen, führte dazu, dass die Moskauer Großfürsten seit dem späten 14. Jh. eine rationalistische Machtpolitik verfolgten. Dmitrij Ivanovič brachte 1380 den M. eine erste Niederlage bei, ein Jahrhundert später stellte Russland die Tributzahlungen an die Khane ein.

2 Die Westmongolen (Kalmücken/Oiraten)

Der Name „Kalmücke“ ist eine Bezeichnung, die die benachbarten Turkvölker dem mongolischen Stamm der „Oiraten“ gaben. Etymologisch lässt sich ›kalmyk‹ von türk. ›kalmak‹ („bleiben“) ableiten. Der Name findet sich schon in frühen arabischen historiografischen Werken aus dem 14. Jh., wie z. B. von Ibn al-Wardi. Ursprünglich in Sibirien zwischen Enisej und Angara siedelnd, zogen die Oiraten im 15. Jh. zunächst in den Altai, wo die Jäger und Fischer zur Pferde züchtenden Hirtenkultur übergingen. Gegen Ende des 16. Jh./Beginn des 17. Jh. nahmen die „Oiraten“ den Buddhismus tibetischer Prägung an. Auf der Suche nach neuen Weidegebieten tauchten sie Anfang des 18. Jh. an der Wolga auf, wo sie bis heute leben. Die eigentliche Kalmückensteppe, die sich von den Ėrgeni–Höhen im Westen bis zur Wolga-Niederung im Osten erstreckt, war für die nomadische Lebensweise nicht geeignet. Die kalmückische Gesellschaft unterteilte sich in Aristokratie, deren Titel und Privilegien erblich waren, und der einfachen Bevölkerung, die Steuern (›alban‹) zahlte und zu Kriegsdiensten verpflichtet war. Die aristokratische Herrschaftsstruktur lässt sich auf die Genealogie Dschingis Khans zurückführen. Der Handel mit den Russen brachte weit reichende Folgen für die auf Naturalwirtschaft beruhende Nomadenwirtschaft. In den 1730er und 1740er Jahren fand russisches Geld zunehmend Eingang in den kalmückischen Handel. Daneben traten die Kalmücken auch als Zwischenhändler auf, sie belieferten den russischen Markt mit Luxusgütern aus China und Persien wie Tee, Papier, Seide, Teppiche. Im Austausch erhielten die Kalmücken russische Eisenwaren, die einheimische Produkte verdrängten – mit der Folge, dass das kalmückische Schmiedehandwerk an Bedeutung verlor. Wichtiges Handelszentrum war Astrachan, von wo aus die gesamte Wolgaregion mit Gütern versorgt wurde. Obwohl ihr Siedlungsgebiet in der Steppenzone des Kaspischen Meeres lag, unterhielten die buddhistischen Kalmücken intensive Kontakte nach Tibet. Regelmäßig reisten Gesandtschaften mit Geschenken zum Dalai Lama, der den obersten Lama der Kalmücken einsetzte. Russische Versuche, die Kalmücken zur Orthodoxie zu bekehren, schlugen im 18. Jh. fehl. Die Konversion einiger weniger kalmückischer Stammesfürsten erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen, da der russische Staat den Religionsübertritt mit finanziellen Vergünstigungen belohnte. Im Wesentlichen blieb die traditionelle Stammesgesellschaft intakt, so war die Polygamie weit verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 17. Jh. waren die Kalmücken in ein Vasallenverhältnis zum Zarenreich getreten (Vertrag von Astrachan 1677) und übernahmen die militärische Sicherung der Wolga gegen Übergriffe aus dem Süden (Krimtataren). Für ihre militärischen Dienste bestätigte der Zar die Weide- und Fischrechte. Um ihre Autonomie zu stärken, taktierten kalmückische Khane zeitweise mit dem Osmanischen Reich. Es entsprach der seit Dschingis Khan gängigen „Steppendiplomatie“ der Nomadenvölker, mit mächtigen Nachbarn wechselnde Bündnisse einzugehen. Allerdings wurden die Kalmücken durch ihre Diplomatie in kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Russischen und Osmanischen Reich gezogen. Unter Katharina II. setzte eine systematische Besiedlung der Wolga–Region mit russischen und deutschen Kolonisten ein, die zu einer wirtschaftlichen Zurückdrängung der Nomaden führte. Die zarische Regierung teilte zwar das Land zwischen Kolonisten und Nomaden auf, konnte jedoch Landstreitigkeiten dadurch nicht vermeiden. Dies führte 1771 zu einem teilweisen Exodus der Kalmücken in die zu China gehörende Dsungarei – eine Entwicklung, die vom russischen Staat nicht ungewollt war, da das Khanat aufgelöst und von einer Russifizierung begleitet wurde.

3 Die Burjaten

Entsprechend der kameralistischen Verwaltungs- und Wirtschaftspolitik zielte die zarische Regierung Ende des 18. Jh. auf eine Umstellung des pastoralen Nomadismus der am Baikal siedelnden Burjaten auf eine sesshafte Agrarkultur ab. Mit dem Übergang zum Ackerbau, Eheschließungen mit Russen und dem Übertritt zum russisch–orthodoxen Glauben vollzog sich eine zunehmende Akkulturation. Der namhafte burjatische Ethnograf M. N. Khangalov berichtete über diesen mehrere Jahrzehnte währenden Prozess. Seit dem 17. Jh. gerieten die schamanistischen Burjaten in das Spannungsfeld konkurrierender Missionstätigkeit seitens der russisch-orthodoxen Kirche und des tibetischen Lamaismus. Tatsächlich konnte die Kirche aufgrund der Entlegenheit der Baikal-Region und der mangelnden Unterstützung durch die Verwaltung der lamaistischen Missionstätigkeit kaum effektiv entgegenwirken. Die sibirischen Geistlichen und Missionare waren in der Regel ungebildet, betrachteten den Schamanismus als „Aberglauben“. Dagegen zeigte sich der tibetische Lamaismus toleranter, indem er viele schamanistische Rituale, selbst Gottheiten inkorporierte, worauf im Wesentlichen sein Missionserfolg beruhte. Juristisch-administrativ räumte die Zarenregierung mit dem sog. Speranskij-Statut von 1822 den Burjaten wie allen übrigen Nomaden das Recht auf Selbstverwaltung und autonomer Gerichtsbarkeit ein, die im Wesentlichen auf dem Gewohnheitsrecht basierte. Lediglich Schwer- und Staatsverbrechen zu ahnden, war Aufgabe der russischen Gerichte. Die Steppen-Dumen, als repräsentative Selbstverwaltungsorgane gedacht, büßten allerdings mit den administrativen Reformen der 1880er Jahre ihre Funktion ein.

Diese Veränderung ist im Zusammenhang mit der Migration bäuerlicher Kolonisten aus dem europäischen Russland zu sehen. Die sukzessive Enteignung angestammter Gebiete machte indigene Selbstverwaltung und Rechtssprechung obsolet. Während es M. M. Speranskij im aufklärerischen Sinne um die Anhebung des zivilisatorischen Niveaus der sibirischen Nomaden ging, setzte im letzten Drittel des 19. Jh. ein Prozess der Russifizierung und Homogenisierung ein, der sich in juristisch-administrativen Restriktionen und Zwangstaufen niederschlug. Wichtiger Pfeiler der Russifizierung war das Schulsystem. Das Curriculum der Elementarschulen sah Religionsunterricht obligatorisch vor, wobei Geschichte des Alten und Neuen Testaments unterrichtet wurde. Als mit dem Toleranzedikt von 1905 der Druck zur Konversion nachließ, kam es zu Massenaustritten aus der russisch-orthodoxen Kirche, viele Burjaten wandten sich wieder dem Schamanismus und Buddhismus zu. Die Bildungsoffensive des zarischen Staates mit der Gründung von Elementarschulen und Gymnasien zeitigte positive Resultate. Es wurde eine nationale Intelligenzija der Burjaten geformt, die Beamte (als Übersetzer im diplomatischen Verkehr mit China) sowie vor allem Ärzte stellten. Im ausgehenden Zarenreich studierten Burjaten wie auch Kalmücken an den Universitäten von St. Petersburg und Kazan’ Orientalistik, Medizin und Jura. Einige der Absolventen wie z. B. der Arzt P. A. Badmaev wurden zu bedeutenden Aufklärern der burjatischen Nationalbewegung. Diese wurde nach der Oktoberrevolution von der Sowjetregierung ideologisch instrumentalisiert. Im Sinne der anvisierten Weltrevolution gingen sowjetische Nationalitäten- und Außenpolitik eine Symbiose ein.

An der im April 1921 in Moskau gegründeten Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens unterrichteten burjatische Dozenten mongolische Studenten, die die Revolution in das Nachbarland bringen sollten. Mit Stalins Machtantritt in den späten zwanziger Jahren sollten sich die außenpolitischen Kontakte der burjatischen Nationalpolitiker verhängnisvoll auswirken. Unter dem konstruierten Vorwurf panmongolischer und projapanischer Umtriebe wurden die burjatischen Intellektuellen verhaftet und exekutiert. Stalins gewaltsamer „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“ bewirkte einen Generationenkonflikt in der indigenen Gesellschaft. Es waren vor allem die Alten, die sich der Kollektivierung widersetzten. Die Jungen dagegen, die ihre Ausbildung in den Hauptstädten des europäischen Russland erhalten hatten, waren dem Nomadenleben entwöhnt und profilierten sich selbst als Stalins Erneuerer. Das Problem, vor dem die „Kulturrevolution“ stand, war der Mangel an indigenen Kadern. Auf dem Lehrplan der indigenen Parteischulen stand neben der Vermittlung von Lese- und Schreibkenntnissen, die Theorie des Marxismus-Leninismus, gesellschaftliche Themen wie Atheismus und Hygiene. Im gewaltsamen Transformationsprozess der 1930er Jahre erwiesen sich insbesondere die Schamanen als Zielscheibe des stalinistischen Feldzuges gegen das Fremde, vermeintlich Rückständige. Doch die Schamanen verfügten über einen beträchtlichen Rückhalt in der indigenen Bevölkerung, die unter ihrem Einfluss die sowjetischen Krankenhäuser und Schulen boykottierte und darüber hinaus ihre Viehherden schlachtete, um der Kollektivierung zu entgehen. Neben der Bildung war das Gesundheitswesen ein weiterer Pfeiler des Kampfes gegen die „asiatische Rückständigkeit“.

Die sowjetischen Ärzte, in der Mehrheit Russen, standen vor dem Problem, die Burjaten von der Notwendigkeit eines Arztbesuches zu überzeugen, denn viele von ihnen zogen die traditionelle Heilbehandlung durch den Schamanen vor. Hinzu kam, dass viele der russischen Ärzte nicht die burjatische Sprache beherrschten. In der Stalinschen Kulturrevolution wurden insbesondere die indigenen Frauen für die Stachanov-Bewegung instrumentalisiert. Frauen wie die Burjatin Elizaveta Tugatkhanovaja sollten eine Leitfigur abgeben, dementsprechend wurden die Biografien dieser indigenen Heldinnen von der sowjetischen Propaganda glorifiziert. Der Zweite Weltkrieg ging an den Burjaten (wie auch Kalmücken) nicht spurlos vorbei – nicht nur standen jetzt weniger finanzielle Mittel zum Kampf gegen die „asiatische Rückständigkeit“ bereit, die Einberufung von Lehrern und Ärzten an die Front bewirkte eine schlechtere Ausbildung und medizinische Versorgung der indigenen Bevölkerung, die im übrigen zu Spenden für den Krieg aufgerufen wurde. In Heimarbeit fertigten die Frauen Kleidung und Schuhe für die Front an. Entbehrungen und Verzicht hatten Burjaten und Kalmücken für einen Krieg auf sich zu nehmen, der ein Krieg des „weißen Mannes“ war. Angesichts des Flüchtlingsstromes, der sich nach Osten ergoss, musste die indigene Bevölkerung bei der medizinischen Versorgung, der Ausbildung, der Zuteilung von Wohnraum zurückstehen. Tatsächlich stellten der Kolonialismus und Rassismus der Stalinzeit die Unterwerfungspraktiken des Zarenreiches in den Schatten.

Khordarkovsky M. 1992: Where Two Worlds Met. The Russian State and the Kalmyk Nomads, 1600–1771. Ithaca. Schorkowitz D. 2001: Staat und Nationalitäten in Russland: Der Integrationsprozess der Burjaten und Kalmücken, 1822–1925. Stuttgart. Spuler B. 1943: Die Goldene Horde. Die Mongolen in Rußland 1223–1502. Leipzig.

(Eva-Maria Stollberg)