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17.11.2017 : 18:37 : +0100

Der mongolische Sattel

Autor: Eike Seidel, 2010

Der mongolische Sattel (emeel) unterscheidet sich sehr stark von den Sätteln, die in Europa benutzt werden. Er besteht ganz aus Holz und ist ein Arbeitssattel mit hohem Vorderschild und weniger ausgeprägtem Rückenschild. Die Steigbügel bestehen aus soliden Tellern, da in den schnellen Gangarten überwiegend im Stehen geritten wird.

Der Sattel (wie auch das Zaumzeug - Xazar) ist - je nach Vermögen des Besitzers - aufwändig mit Silber verziert. Die Filzdecke, auf der gesessen wird, ist mit vier schweren Silberbeschlägen befestigt. Die Lederriemen zum Befestigen von Utensilien am Sattel sind ebenfalls mit massiven Silberelementen befestigt. Zügel und Kopfstück sind mit Silberdraht verziert. Charakteristisch für die mongolische Reitweise ist, dass das Halfter am Kopf bleibt und das Zaumzeug darüber gezogen wird.

Copyright Sabine Haluszka-Seidel, 2006; Sattel eines Viehzüchters im Somon Xarxorin. Deutlich ist zu sehen, dass die Trense über das Halfter gezogen wird.
Copyright Helmut Splisteser: Pferd eines mongolischen Veterinärs Ende der 70er Jahre. Deutlich sind die am Sattel befestigten Fußfesseln (Cödör) zu sehen.
Copyright Sabine Haluszka-Seidel, 2010. Auf dem Naadam im Saixan Somon (Bulgan Aimak) zum Kauf angebotener Prunksattel
Copyright Sabine Haluszka-Seidel, 2010; das Holzgerüst eines mongolischen Sattels

Johannes Schubert hat in seinen "Paralipomena Mongolica" (Berlin 1971) die Bestandteile eines mongolischen Sattels mit ihren mongolischen Bezeichnungen dokumentiert.

Aus: Johammes Schubert, Paralipomena mongolica, Berlin 1971
  1. büüreg - knauf; 1a: vorderer Knauf (urd büüreg); 1b) hinterer Knauf (xoit büüreg)
  2. emeelin suudal: Sattelsitz mit Decke
  3. xawtas - Sattelbretter
  4. baawar - metallene Zierstücke über den Befestigungen der Riemen für die Satteltaschen
  5. ganzaga - Riemen
  6. oloncog - Decke aus Wollfilz (cem be) auf dem hölzernen Sattelsitzt
  7. darullga - 4 Zierstücke aus Metall, die die oloncog halten
  8. dews - ein Anhängsel des olocig, aber aus Leder
  9. gölöm - die Hauptsatteldecke aus Leder, die ihrerseits wieder auf eine oder mehrere Decken (toxom - oft Filzdecken) gelegt wird
  10. toxom - zwei bis drei decken auf dem Rücken des Pfedes, auf denen der Gesamtsattel ruht
  11. olon - die beiden rechtsseitigen Bauchgürtelbänder, die emeel und gölöm halten
  12. zirem - die beiden linksseitigen Bauchgürtelbänder
  13. döröö - Steigbügel aus Metall (Eisen etc.)
  14. döröwc - Steigbügelhalter aus Leder

Das Zaumzeug

Das Zaumzeug eines mongolischen Pferdes besteht aus selbstgegerbtem Leder (siehe Opens internal link in current windowmongolisches Leder auf dieser Webseite). Vielfach wird Trense mit Zügel über ein Halfter gezogen. Das Mundstück ist normalerweise aus zwei Teilen mit einem Gelenk in der Mitte. Der Zügel an der Trense wird beim Reiten benutzt, wobei die Führhand den Zügel "über den Hals" streicht (in Europa beim "englischen Reiten" völlig unüblich). Am Halfter, das auch beim Reiten am Pferdekopf bleibt, ist eine etwa 4 Meter lange Führleine befestigt. Sie dient zum Festbinden des Pferdes und - wie dem Autor auf einer Reittour geschehen - zum Wiedereinfangen des Pferdes. Dieses hatte sich losgemacht, konnte aber "überlistet" werden, da das Ende dieser Führleine außerhalb der Fluchtdistanz zu Liegen kam.

Zeichnung aus: Johannes Schubert: Paralipomena Mongolica, Berlin 1971
  1. aamgai - Gebißstange der Kandare
  2. Zuuzai - Eisenringe an der Gebißstange
  3. sawx - Stäbchen der Trense (Leder mit kleinen Metallringen)
  4. xamar - "Nase" der Trense (Leder mit kleinen Metallringen)
  5. sil - Trense (Hauptstück)
  6. sagaldraga - Greif- bzw. Befestigungsstücke der Trense
  7. zoloo - Zügel
  8. culbuur - Kandarenzügel

Auf längeren Ritten haben mongolische Reiter einen langen Pflock (Häring, Erdnagel) dabei, mit dem das Pferd am langen Führriemen angebunden wird und über Nacht einen Kreis abweiden kann. Alternativ dazu wird das Pferd mit einer Cödör (für unsere Ohren gesprochen wie: Tschud'r) genannten Fußfessel "angehobbelt". Die nachfolgende Zeichnung zeigt einen solchen Cödör. Ein junges Pferd, das diese Fußfessel zum ersten Male angelegt bekommt, fällt damit mehre Dutzend Male hin, bevor es seine Fesselung akzeptiert. Eine Fußfessel für die beiden Vorderbeine heißt Tusaa.

aus: Johannes Schubert: Paralipomena Mongolica, Berlin 1971
  1. cödrin silbe / cödrin sum - das lange Riemen- bzw. Kettenstück des cödör bzw. des Tusaa
  2. cödrin ömnöx xoer salaa - der lederne Schlaufenteil des cödör
  3. cödrin gogcoo/cödrin cagt torgox nüx - die Schleife (gogcoo) im Schlaufenteil des cödör, die den Holzpflick (cagt) hält, und das Loch (nüx) im cagt, um die lederne Schleife bzw. Schlinge hindurchzustecken
  4. xums - die Kerbe bzw. Kralle am gogcoo
  5. cagt = codrin alga - der Holzpflock in dem gogcoo
  6. nüx - das Locj im cagt
Copyright Sabine Haluszka.Seidel 1999; Pferd mit cödör an den Füßen gefesselt