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23.7.2017 : 22:36 : +0200

Die Kunst der Orientierung

Von Bayankhongor im gleichnamigen Aimag waren wir nach Süden gefahren. Im Bogd Sum hatten wir im Fluß baden können, bevor er im Salzsee verschwand, wir waren auf dem Ikh Bogd Uul gewesen und weiter nach Süden nach Bayan Lig gefahren, den Somon mit den meisten Kamelen dort, mit einer Kamelmilchmolkerei, die Kamelmilch-Speiseeis produziert (leider war Sommerpause) und hatten dort das unglaubliche Tal der Petroglyphen besichtigt, wo an einer etwa 200 Meter langen Felswand tausende von Petroglyphen aus unterschiedlichen Menschheitsepochen zu sehen sind.

Von Bayan Lig sollte es dann nach Südosten weiter zu großen Sanddüne gehen - doch Straßen oder Pisten waren auf unserer Karte nicht verzeichnet. GPS hatten wir dabei, aber die Karten waren für eine GPS-Navigation zu ungenau. Schluchten und unüberwindliche Berge und Hügel waren nicht verzeichnet.

Unser Interesse an den Petroglyphen hatten den Bürgermeister von Bayan Lig erfreut, war er doch im "Nebenberuf" Historiker und außerdem hoch erfreut über die Touristen, die sich für seinen Landkreis interessierten. Und so kam er auf eine traditionelle Lösung: Er zeichnete in wenigen Minuten eine Karte, wie wir zur Sanddüne kommen könnten. Ganz anders als alles, was wir unter Landkarten verstehen, war diese gezeichnete Landkarte nur dazu gedacht, den Weg darzustellen, den wir zu fahren hätten. Wegkreuzungen waren wichtig, Passübergänge, Saxaul-Wälder, Häuser (ehemalige Standorte von Brigaden des Negdel. Woher dieses Kunst gelernt habe, fragten wir. Antwort: Das sei früher ganz normal gewesen, da es gedruckte Landkarten nicht gab und - wenn es sie den gab - sie nicht ausgeliehen wurden.

Diese Art der Landkarte hat in der Mongolei ein lange Tradition. So existieren jahrhunderte alte Landkarten, in denen vor allem die Klöster, die Owoos und die Pferdestationen mit den (in Zeit gemessenen) Entfernungen verzeichnet sind. Eine maßstabsgetreue Darstellung war völlig uninteressant.