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23.7.2017 : 22:36 : +0200

Atomindustrie und Bergbaukonzerne contra Nomaden

Im Frühjahr 2013 eskalierte der schwelende Konflikt zwischen Viehhaltern und Bergbau in der Mongolei. 319 mongolische Viehhalterfamilien aus der Gobi aus dem Bezirk Ulaanbadrakh in der Provinz Dornogobi (Ostgobi) traten mit Protestschreiben und Bildern von missgebildeten Tieren an die Öffentlichkeit. Im Umkreis einer vom französischen Atomkonzern Areva bzw. seiner mongolischen Tochterfirma durchgeführten Probebohrung nach Uran waren hunderte von Schafen und Ziegen tot oder mit Missbildungen zur Welt gekommen. Areva sucht seit 1998 in der Mongolei nach Uran. Im Oktober 2013 hat AREVA nun ein Abkommen mit der mongolischen Atombehörde MONATOM geschlossen, an dem der mongolische Staat zu 35% beteligt sein soll. An zwei Lagerstätten in der Ostgobi (Dornogobi) sollen nun bis zu 60.000 Tonnen Uranerz gewonnen werden.

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Tierhalter begraben ihre toten Tiere

Nach dem bis heute nicht abschließend geklärten Giftunfall im Landkreis Khongor, wo vor einigen Jahren verseuchtes Wasser die Felder für Saatgut überflutete und ebenfalls Hunderte von Tieren verendeten und auch Menschen oft monatelang mit Vergiftungssymptomen  zu kämpfen hatten, ist dies in wenigen Jahren der zweite Vorfall dieser Art. In Khongor war es eine marode Chemiefabrik, in der - so der Verdacht, der nie offiziell aufgeklärt wurde - Chemikalien für den Goldbergbau an der Kharaa aufbereitet wurden.

Copyright 2008 Sabine Haluszka-Seidel; Die Chemiefabrik südlich von Darkhan im Khongor-Sum. Von ihr gingen die Vergiftungen der Tiere und Menschen aus.

Die Mongolei ist eines der Länder mit den höchsten nachgewiesenen Uranvorräten der Erde. Etwa 10% der nachgewiesenen, derzeit aber noch nicht wirtschaftlich abbauwürdigen weltweiten Vorkommen liegen dort. Eine Förderung von Uran findet derzeit in der Mongolei nicht statt. Die letzte Uranförderung in der Mongolei wurde 1995 im Nordosten nahe der russischen Grenze beendet. Das geförderte Uranerz war in der Nähe der ostsibirischen russischen Stadt Tschita verarbeitet worden. Wie die mongolische Anti-Atombewegung GOLOMT mitteilte, stammen die meisten in Kliniken behandelten Fälle von Leukämie bei Kindern aus dem Umkreis des damaligen Tagebaus, dessen Reste heute in einem großen See begraben sind. Die damalige Siedlung Mardai nördlich der Provinzhauptstadt Tschoibalsan, in der 10.000 russische Spezialisten gearbeitet haben, ist zu einer Geisterstadt geworden. Im Abraum der Mine lässt sich noch heute eine erhöhte Radioaktivität feststellen.

Die Ruinen der Arbeitersiedlung in der Nordmongolei sowie der See über dem ehemaligen Uran-Tagebau
Die Abraumhalde von Mardai in der Nordmongolei - immer noch stark strahlend

Nach der Katastrophe von Fukushima ist weltweit der Uranpreis von einem Rekordniveau von 73 Dollar je Pfund auf etwa 35 Dollar gefallen, so dass viele Minen derzeit keine Gewinne mehr erzielen. Seit Anfang 2013 aber ist eine Trendwende zu beobachten. Der Uranpreis steigt wieder und es wird im Jahr 2015 ein Preis von 60 Dollar und mehr erwartet. Bei diesem Preis werden auch die bisher unrentablen Lagerstätten der Mongolei wieder rentabel. Diese liegen zudem nahe an der chinesischen Grenze liegen, wo die Atomenergie als weiterer Energielieferant neben der Kohle angesehen wird.
Die jetzt als Verursacher der Tiervergiftungen und Missgeburten verdächtigten Aktivitäten sind Probebohrungen des französischen Atomriesen Areva, der weltweit nach dem kanadischen Unternehmen Cameco auf dem zweiten Platz der Uran abbauenden Firmen liegt, gefolgt von der kasachischen Kazatomprom und Rio Tinto. Schon 2010 war Areva in westafrikanischen Niger aufgefallen, als dort u.a. Straßen mit atomar verseuchtem Abraum aus Areva-Minen gebaut wurden und das Trinkwasser in vielen Brunnen radioaktiv verseucht war.

Die Minen in Niger sind in den nächsten Jahren erschöpft und dies ist auch der Grund weshalb AREVA nun in der Mongolei neue Lagerstätten ausbeuten will. Insgesamt handelt es sich in der Südgobi um zwei Lagerstätten mit insgesamt etwa 60.000 Tonnen uranerz. Die Lagerstätten in der Südgobi liegt relativ tief und muss nach dem heutigen Stand der Fördertechnik im "in-Situ"-Verfahren erschlossen werden. Bei diesem Verfahren wird Schwefelsäure in die Uran enthaltende Schicht gepresst, das Uran gelöst und nach der Förderung zu Yellow Cake verbacken, dem Grundstoff für die weitere Gewinnung von Uran. In gewisser Weise ähnelt das Verfahren dem "Fracking" bei Erdöl. Die Probebohrungen von Areva dort dauerten mehrere Jahre. Mittlerweile hat Areva eine Genehmigung zum Abbau von Uran gestellt und hat eine Kooperation mit der japanischen Firma Mitsubishi geschlossen.

Die Antiatom-Bewegung GOLOMT der Mongolei, eine über Facebook weltweit vernetzte Gruppe, hat in der Gegend um diese Probebohrungen Messungen durchgeführt und eine auf das neunfache erhöhte Strahlung festgestellt. Es wurden dort 1,8 Microsievert pro Stunde. gemessen, während 0,2 Microsievert pro Stunde als unbedenklich gelten.
Als Ursache für die Missbildungen und Fehlgeburten scheint aber eher etwas anderes in Betracht zu kommen: Bei dieser Förderung muss das Uran gereinigt werden und dabei fällt auch Radium an, das sich mit der Schwefelsäure zu Radiumsulfat verbindet, das als fester Stoff anfällt und extrem giftig ist. Dieses Radiumsulfat kann durch Wind verbreitet werden und derartige Folgen auslösen. Ebenfalls wird das Gas Radon aus diesem Abraum abgesondert, das ebenfalls Vergiftungen verursachen kann.
Areva ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hätten sich an alle Auflagen bei der Probebohrung gehalten. Angeblich sei bei den Probebohrungen keine Schwefelsäure verwendet worden, sondern es sei lediglich mit Schlamm gearbeitet worden. Dies steht im Widerspruch zu den Aussagen von Hirten, die 2010 bei Areva gearbeitet hatten und berichten, es seien damals 400 Tonnen Schwefelsäure in den Boden gepresst worden. Eine weitere unabhängige Untersuchung der Ursachen für die Missbildungen und Totgeburten unter Beteiligung der betroffenen Hirten wird weder von Areva noch der mongolischen Regierung vorgenommen.
Dennoch verhält sich Areva wie die Nachbarin, die auf den Vorwurf, sie haben einen geliehenen Topf beschädigt zurückgegeben, antwortete: Erstens hätte sie keinen Topf ausgeliehen, zweitens habe sie ihn unbeschädigt zurückgegeben und drittens sei der Sprung schon vorher drin gewesen. Anders ist das Angebot nicht zu interpretieren, das den Tierhaltern gemacht wurde. Sie sollten mit Unterstützung von Areva mit ihren Tieren in andere Landkreise ausweichen. Etwa 40 Kilometer nördlich der Probebohrungen wurden drei neue Brunnen gebohrt.
Unterstützt werden die Hirten bei ihrem Kampf u.a. von den Atomkraftgegnern der Mongolei von GOLOMT, einer über Facebook vernetzten Gruppe von Aktivisten, die sich um 2011 zusammengefunden hat. Damals waren mittlerweile auf Eis gelegte Planungen für eine globale atomare Endlagerstätte in der Mongolei bekannt geworden. Seitdem hat die Anti-Atom-Bewegung immer wieder auf die Gefahren der Atomenergie hingewiesen. So wurden Zu den Jahrestagen von Tschernobyl und Fukushima jeweils Aktionen durchgeführt.
Wie dem auch sei, die Tierverluste durch Missbildungen und Totgeburten haben bei vielen Hirten das Fass zum Überlaufen gebracht. Diese Vorfälle sind offenbar der Kristallisationspunkt für einen politischen Protest der derzeitigen Verlierer in der mongolischen Gesellschaft.

Fimenschild von AREVA und ihrer mongolischen Tochterfirma in der Ostgobi (Dornogobi)

Die Hirten der Gobi haben in den letzten Jahren erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Neben den klimatischen Gründen (der Winter 2009/2010 war einer der schlimmsten, bei dem etwa 30% des gesamten Tierbestands der Mongolei verendete) sind es aber auch Folgen des expandierenden Bergbaus in der Südgobi. Neben dem Uran sind es dort vor allem der weltweit größte Steinkohletagebau an den "Fünf Hügeln" (Tavan Tolgoi) sowie die ebenfalls und den drei größten Minen liegende Kupfer/Gold-Lagerstätte am "Jadehügel" (Oyun Tolgoi). Außerdem ist eine Ost-West-Bahnlinie durch die Gobi geplant, die durch massive Zäune „geschützt“ werden soll, so dass eine Querung der Trasse für die wilden Antilopen nicht mehr möglich sein wird. Auch die Weidewege der Hirten werden hierdurch massiv bedroht.
Die Wasserprobleme in der Gobi sind bekannt: Nicht nur der Grundwasserspiegel ist infolge des Wasserverbrauchs durch die Minen in den letzten Jahren gefallen, sondern es sind auch erhöhte Schadstoffe im Grundwasser nachgewiesen worden. Da bei den Untersuchungen des Wassers nicht auf Radioaktivität getestet wird, sind dort bisher nur die anderen Gifte nachgewiesen worden. Das Wasserproblem in der Gobi ist so groß, dass mittlerweile darüber nachgedacht wird, den Fluß Orchon zu 30% in einer Pipeline über 900 Kilometer in die Gobi umzuleiten, da dieses Projekt gegenüber der Nutzung von tiefen wasserführenden Schichten, sogenannten Aquiferen, finanziell attraktiv sein könnte. Dass durch diese Flussumleitung dann auch Hirten im Norden der Mongolei durch den Wasserdurst des Bergbaus direkt betroffen werden, zeigt den landesweiten Konflikt zwischen der Weidewirtschaft und den Interessen des globalisierten Bergbaus.
Von dieser Weidewirtschaft leben heute direkt etwa 150.000 Familien, d.h. etwa 750.000 Personen. Dies sind etwa 25% der Gesamtbevölkerung, zu denen noch die hinzugerechnet werden müssen, die von der direkten Weiterverarbeitung dieser Produkte leben. Diese Weidewirtschaft ist bis heute in der mongolischen Verfassung geschützt. Der Viehreichtum wird als Reichtum des Landes bezeichnet und das Vieh steht unter dem Schutz des Staates, das Land ist Staatseigentum und jeder Mongole kann sich mit seinen Tieren überall niederlassen. Insofern ist jeder Angriff auf die Lebensgrundlagen der Hirten auch ein Angriff auf die Verfassung.
Im September 2013 spitzte sich in der Mongolei der Konflikt zwischen den Interessen des Bergbaus und denen der Tierhalter und Umweltschützer weiter zu. Auf einer Kundgebung von  Hirten auf dem zentralen "Dschinghis-Khan-Platz", dem ehemaligen „Sukhbaatar“-Platz im Zentrum der Hauptstadt vor dem Parlament, ertönten Schüsse, ohne Schaden anzurichten. Hinter dem Parlament wurden mehrere Bomben gefunden, mehrere Ministerien wurden evakuiert. Zur Protestaktion hatten elf NGOs aufgerufen. Für die Polizei war dies der Anlass, drei Mitglieder der Umweltbewegung zur Rettung des Ongi-Flusses festzunehmen. Gegen Munkhbayar und zehn weitere Mitglieder seiner Bewegung „Gal Undesten“ wurden Strafverfahren eingeleitet. Es droht ihnen Haftstrafen von bis zu 15 Jahren. Auch in der Mongolei werden Umweltschütze rund Atomkraftgegner immer wieder als „Ökobanditen“ oder „Grüne Terroristen“ verunglimpft.

Der Vorsitzende Munkhbayar als Vertreter des "Grünen Terrors" (Nogoon Terror) auf dem Titel des monglischen "time magazin" (toim)

Anlass für den Protest war die geplante Revidierung des "Gesetzes mit dem langen Namen". Dieses Gesetz war 2009 verabschiedet worden und verbot den Bergbau an Flussufern und in Waldgebieten. Damals waren allein an dem Fluss Kharaa (nördlich der Hauptstadt) ca. 50 legale und illegale Goldminen geschlossen worden, in denen Quecksilber für die Gewinnung von Gold eingesetzt worden war. In der Provinz Övörkhangai (am Südrand des Khangaigebirges) waren ganze Flusstäler trocken gefallen, weil die Bergbaubetriebe sämtliches Fließwasser verbraucht hatte. In manchen Jahren war der berühmte Orkhon-Wasserfall zu einem dürftigen Rinnsal geworden.
Der Ongi-Fluss entsteht im Landkreis Uyanga in Övörkhangai aus dem Zusammenfluss von ehemals fünf Flüssen. Ein Fluss war 2010 komplett versiegt, nur ein Fluss aus dem Naturschutzgebiet der Acht Seen ("Naiman nuur") war unbelastet, die anderen drei verseucht, so dass die Kinder beim Baden Ausschläge bekamen. Der Ongi Fluss ist einer einen der für die Gobi-Senken der "Großen Seen" wichtigen Flüsse, dessen Wasser damit als Trinkwasser für die Herden ausfiel. Diese "Großen Seen" sind salzige Verdunstungsseen mit einer großen Bedeutung für die Vögel der Region, die Flüsse liefern das Trinkwasser für die Tiere.

Copyrigt 2010 Sabine Haluszka-Seidel. Der Ongi-Fluß - eine grüne Oase in wasserloser Gegend. Heute vergiftet

Bei unserem Besuch im Jahr 2010 in dieser Gegend, aus der die Bewegung „Gal Undesten“ stammt,  erzählten uns die Bürgermeister des Kreises Uyanga zusammen mit dem Ranger des Naturschutzgebietes, wie sie teilweise mit Waffengewalt die illegalen Goldsucher vertrieben hätten und seit damals sei die Situation allmählich besser geworden – auch infolge des gerade verabschiedeten Gesetzes. Allerdings - und das ist auch mongolische Realität - sind viele Hirten - d.h. ihre direkten Nachbarn - infolge von Viehverlusten oder anderen Verarmungsgründen oft gezwungen, den Goldbergbau als Erwerbsquelle zum Überleben zu betreiben. Insgesamt sollen etwa 100.000 Mongolen als sogenannte Ninjas in der Goldsuche ihre Glück versuchen (Sie heißen Ninjas, weil sie mit der Gold-Waschschüssel auf dem Rücke  wie die Ninja Turtles aussehen).

Copyright 2006 Sabine Haluszka-Seidel: Protestaktion der Viehhalter gegen die Vernichutng ihrer Existenz durch Bergbaufirmen

Immer mehr drängen die Bergbaugesellschaften die Mongolei dahin, die Bedingungen für die Ausbeutung der Rohstoffe weiter zu lockern. Angesichts der infolge der Finanzkrise gefallenen Rohstoffpreise liegen in manchen Chefetagen die Nerven blank. Der für das mongolische Inverstment beim Jadehügel zuständige Manager bei  Rio Tinto musste gehen, weil die Gewinnerwartungen hinter den Plänen zurück blieben. Im Frühjahr, als die mongolische Seite ihren Anteil an der Kupfer/Gold-Mine erhöhen wollte, wurden tausende von mongolischen Arbeitern ausgesperrt. Gleichzeitig steht die mongolische Regierung unter Druck, weil sie die Wahlversprechen nach Wohlstand aus dem Bergbau nicht einlösen kann. Im Gegenteil: Sie hat Probleme, angesichts der sinkenden Erlöse ihre gleichbleibend hohen zugesagten Investitionen zu finanzieren und kommt dadurch in akute Finanzprobleme. Ergebnis ist eine nicht ungefährliche Inflation: Der mongolische Tugrik hat in den letzten 10 Jahren gegenüber dem Euro ungefähr 40 Prozent seines Wertes eingebüßt. Bekam man damals etwa 1.200 Tugrik für einen EURO, sind es aktuell mehr als 2.000 Tugrik. Die Fronten sind klar: Hier die internationalen Investoren mit den Teilen der mongolischen Bevölkerung und der Parlamentsmehrheit, die in der Ausbeutung der Bodenschätze ihren Vorteil sieht; auf der anderen Seite der Teil der Bevölkerung, der in dieser Entwicklung "abgehängt" wird und Gefahr läuft, ins Elend abzustürzen.

Eike Seidel, Oktober 2013

Quellen:
golomt.org/2013/06/15/uranabbau-in-der-wuste-gobimongolei/
golomt.org/2013/03/02/engnew/
www.brecorder.com/business-a-economy/189/1245201/
https://www.facebook.com/nuclearfreemongolia
www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/arevas_uranfoerderung_stellt_immer_noch_gefahr_fuer_niger_dar
www.wise-uranium.org/upmn.html
www.mongolei.de (Nachrichten vom 30. September bis 6. Oktober)
Film "Atomar Afrika", Phoenix, 18.12.2013