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17.11.2017 : 18:38 : +0100

Mongolische Schriftsysteme - Spielball politischer und religiöser Interessen


Von Otgonbayar Chuluunbaatar

Am Beispiel der mongolischen Sprachfamilie soll dargestellt werden, wie sehr politische sowie religiöse statt linguistische Interessen bei den diversen Verschriftungen der zugehörigen Sprachen eine Rolle spielten und wie diese Schriften in weiterer Folge der jeweils herrschenden feudal-theokratischen Schicht zur Erlangung oder Festigung ihrer Macht dienten. Diese historischen bis heute nachwirkenden Entwicklungen führten dazu, dass oft mehrere, zumeist adaptierte Schriftsysteme in paralleler Verwendung standen und stehen. Bedingt durch die historische Entwicklung des einstigen Großreiches und die Zerstreuung der Bevölkerung auf voneinander entfernt liegende Gebiete, entwickelten sich die mongolischen Sprachen weiter auseinander. Migrationsbewegungen und Zwangsumsiedlungen einiger mongolischer Völker folgten. In ihren jeweiligen Siedlungsgebieten waren und sind diese einem kulturell unterschiedlichen Umfeld wie auch politischen, sprachlichen sowie religiösen Fremdeinflüssen ausgesetzt.

Text aus einem Märchen in uigurischer Schrift, 19. Jahrhundert. Sammlung der Autorin

Vor der ersten Verschriftung wurden, den oraltraditionellen Gepflogenheiten entsprechend, Nachrichten und Befehle lediglich in Form mündlicher Stabreime weitergegeben. Bereits bei der ersten überlieferten Schriftform der MongolInnen, der uigur-mongolischen Schrift, handelt es sich um eine adaptierte Lehnschrift. Zur Entstehung gibt es zwei verschiedene Lehrmeinungen: Die bekanntere richtet sich nach der Yuan-shi (der offiziellen Geschichtsschreibung der Yuan-Dynastie), in der von einem gefangenen und im Dienste Chingis Xaans (1162?-1227) stehenden uigurischen Schreiber namens Tata Tonga berichtet wird, der das uigurische Alphabet für mongolische Aufzeichnungen heranzog. Die zweite Lehrmeinung vertreten z.B. mongolische Gelehrte wie Shagdarsüren oder Tumurtogoo, aufgrund mehrerer Hinweise. Ihr Standpunkt besagt, dass die uigur-mongolische Schrift ihre Entwicklung bereits zu einem früheren Zeitpunkt, oder zeitgleich mit der uigurischen Schrift, direkt vom sogdischen Alphabet und nicht erst später über dessen Umweg von statten ging (vgl. etwa Shagdarsüren 2001:22, Tumurtogoo 2006:2). Einer der Hinweise besagt, dass die in frühen Schriften des 13. Jahrhunderts verwendete Schriftsprache nicht mehr der Umgangssprache jener Zeit entsprach und eine schriftliche Verwendung daher entsprechend früher anzusetzen wäre. Bereits dieses über Jahrhunderte hinweg wichtigste Schriftsystem der MongolInnen barg aufgrund dieser Entlehnung viele Unzulänglichkeiten: Da die zur Verfügung stehenden Zeichen dieser Lehnschrift für die Anzahl der mongolischen Laute nicht ausreichten, musste man sich auch zusammengesetzter Schriftzeichen, angefügter Zeichen (Diakritika) wie Punkte, Striche oder Häkchen sowie polysemer (mehrdeutiger) Schriftzeichen bedienen. Eine weitere Erschwernis dieses Alphabets ist die Verwendung positioneller Allographen, dies bedeutet, dass Schriftzeichen abhängig von der initialen, medialen oder finalen Stellung im Wort unterschiedlich ausgeführt werden, was zu einer großen Anzahl möglicher Schreibvarianten führt.

Mit der Yuan-Dynastie verbreitete sich der Buddhismus, was sich vor allem auf die mongolische Feudalschicht auswirkte und zu einer zwischen Lamaismus und der Politik interagierenden Einflussnahme führte. Während zwei führende Mönche des tibetisch- buddhistischen Sa-skya Ordens namens Sa-skya Pandita Kun-dga' rgyal-mtshan (1182-1252) und kurze Zeit später Chos-kyi `od-zer Reformen zum uigur-mongolischen Alphabet setzten, dabei vor allem eine Erleichterung von Übersetzungen religiöser Texte zum Ziele hatten, holte sich Xubilai Xaan (1215-1294) tibetische Lamas als Berater an den Hof und verfasste in der Folge eine Regierungsstrategie, die den Buddhismus und die Staatsführung in einer »two rules« Politik kombinieren sollte (Chuluunbaatar 2006:298-299). Einer von Ihnen war ´Phags-pa (1235-1279/80), der bereits zu Lebzeiten eine außergewöhnliche Position am Hofe erlangte, die sich nicht nur auf den religiösen Einfluss beschränkte – ´Phags-pa wurde Regent von Tibet. Er wurde von Xubilai Xaan, der ein Riesenreich mit vielen Ethnien unterschiedlicher Sprachen regierte, beauftragt, eine für die gesamte Bevölkerung seines Reiches geeignete Schrift zu schaffen. Damit werden neben politischen Argumenten – eine eigene Schrift sollte die universale Bedeutung des Reiches verdeutlichen – auch linguistische manifest. Obwohl ´Phags-pa sich bei der Entwicklung der nach ihm benannten Schrift in quadratischer Form an der tibetischen wie auch der Devanagari Schrift orientierte, ist diese politische Intention klar ersichtlich, immerhin hatte die chinesische Bevölkerung erstmals eine Buchstabenschrift zur Verfügung.

Text astrologischen Inhalts in oiratischer "Klarer Schrift", 19. Jahrhundert, Sammlung der Autorin

Erst mit Altan Xaan (1507-1582/83) und der buddhistischen Renaissance erlangte das mongolische Geschehen wieder an Bedeutung. Diese betraf nunmehr nicht nur die feudale Klasse, sondern hatte gesamtgesellschaftliche Auswirkungen zur Folge. Viele religiös-philosophische Werke aus dem Tibetischen und Sanskrit wurden für die mongolische Schrift bearbeitet oder übersetzt. Ein für die vielen Fachtermini geeignetes System der exakten Transkription wurde benötigt und vom Mönch namens Ayuush Güüsh im Jahre 1587 entwickelt. Die Initiative dafür soll von seinem Lehrer, dem 3. Dalai Lama, ausgegangen sein. Der historische Ablauf der Schriftentwicklungen steht auch in weiterer Folge in enger Vernetzung mit buddhistischer Religion und Politik. Vor allem in der Auseinandersetzung zwischen dem dsungarischen Reich und den ostmongolischen Xalx-Xaanaten fand dies einen starken Niederschlag. Zunächst erschuf der Mönch Zaya Pandita (1599–1662) die in Anspielung auf die „veraltete“ (Xudam) uigur-mongolischen Schrift die so genannte „Klare Schrift“ (Tod bichig), die im Westen zumeist unter dem Namen oiratisch-kalmückische Schrift bekannt ist. Ziel des Pandita war es, die neue Schriftsprache den mongolischen Umgangssprachen jener Zeit anzupassen (vgl. Kara 2005:149). Gegenüber der uigur-mongolischen Schrift wurden wichtige Neuerungen entwickelt, die die Schreibung erleichterten und vor allem auch keine polysemen Schriftzeichen mehr aufwies. Wahrscheinlich aus politischen Gründen war diese Schrift bei den ost- und südostmongolischen Völkern jedoch erfolglos. Auch sollte die Schrift als Bekundung der oiratischen Stärke gegenüber dem Reich des chinesischen Kaisers Kangxi betrachtet werden. Von einem weiteren Gegenspieler der Oiraten (nämlich einem Sohn des Tüsheet Xaan Gombodorzh) namens Öndör Gegeen (1635–1723), wurden 38 Jahre später gleich zwei Alphabete geschaffen. Von seinem Vater wurde er als „Xuvilgaan“ (mo. für Wiedergeburt) ausgerufen und zum religiösen Oberhaupt des damaligen mongolischen Reiches erklärt. Die neue Inkarnationslinie wurde durch den 5. Dalai Lama bestätigt. Sowohl bei der Soyombo-Schrift als auch bei der „Waagrechten Quadratschrift“ wurden Anleihen am Devanagari genommen. Bei ihrer jeweiligen Erschaffung werden wieder religiöse und politische Motive deutlich. Ein Hauptmotiv scheinen die bereits erwähnten kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Dsungarenreich unter Öndör Gegeens größtem Rivalen Galdan Boshogt Xaan (reg. 1644-1697) gewesen zu sein, wobei auch ein Ringen um den religiösen Einfluss gegenüber dem 5. Dalai Lama deutlich wird. Beide Schriften waren nur zur Übersetzung von Texten buddhistisch-religiösen Inhalts in den Sprachen Mongolisch, Tibetisch und Sanskrit tauglich. Selbst zu diesem Zweck erfuhren sie eher spärliche Anwendung. Dies trifft vor allem für die „Waagrechte Quadratschrift“ zu, die selbst im „ethnologisch-linguistischen Atlas der Mongolei“ (vgl. Rinchen 1979) noch keinen Eintrag erfuhr. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erfolgte durch Kaiser Kangxi (1654-1722) eine religiös protektionistische Politik, die gleichzeitig als Befriedungsmaßnahme in den Mongolengebieten dienen sollte. Mongolische Texte religiösen Inhalts erfuhren nunmehr eine starke Verbreitung, die zumeist mit Hilfe des Blockdrucks hergestellt wurden. Ermöglicht wurde dies durch viele neue Druckereien, die ihren Standort vor allem in Peking und der Südmongolei hatten. Die starke Verbreitung solcher Texte hatte die Popularisierung einer ursprünglich zu Übersetzungszwecken künstlich geschaffenen hochmongolischen Sprache mit festgelegter Orthographie zur Folge. Mit diesen Standards wurde auch eine neue Periode der Schriftsprachen (Klassische Schriftsprache) eingeleitet.

Die Religion sollte erst 220 Jahre später erneut Einfluss auf die mongolischen Schriftsysteme nehmen und betraf die burjatische Bevölkerung des damaligen zaristischen Kaiserreichs. Der Burjate Agvaan Dorzhiev (1854-1938) erlangte als politischer Berater und Lehrer beim 13. Dalai Lama großen Einfluss. Mehrfach reiste er in diplomatischer Mission zwischen Tibet und dem russischen Zarenhof, um politischen Beistand gegen die britische Bedrohung für das Himalayareich zu suchen. Neben seinen panmongolischen wie auch Buddhisierungsbestrebungen Burjatiens entwickelte er zusammen mit dem Wissenschaftler Zhamsranov (1880-1940?) im Jahre 1905 eine neue, aber erfolglose Schrift, die die Bezeichnung Vagindra erhielt. Nach dem Abschütteln des Feudalsystems und der Macht der Klöster verbreiteten sich neue soziopolitische Ideen nationalistischer wie auch sozialistischer Prägung und es kam im Laufe des 20. Jhdt. noch zu weiteren Schriftentwicklungen, die unter rein politischer Einflussnahme standen. In der Mongolei wurde im April 1930 durch Beschlüsse offizieller Organe die Einführung eines lateinischen Alphabets beschlossen, das jedoch nur ein Jahr zur Anwendung kam. Eine Dekade später wurde deren Wiedereinführung (Februar 1941) beschlossen. In der UdSSR war bei den mongolischen Völkern die kyrillische Schrift jedoch bereits in Verwendung und einen Monat später (März 1941) wurde von denselben verantwortlichen Gremien der ursprüngliche Beschluss wieder aufgehoben und die Einführung des russisch-kyrillischen Alphabets mit zwei zusätzlichen Buchstaben beschlossen. Die im vorangehenden Beschluss angeführten und für das Lateinische sprechenden Gründe wurden nun negativ bewertet, eine entsprechende Einflussnahme der Sowjetunion ist daher nahe liegend. Ebenfalls für diese Annahme spricht auch die Tatsache, dass mehrere Buchstaben des übernommenen Alphabets nicht für die Darstellung der mongolischen Sprache, sondern lediglich für fremde Laute benötigt werden. Nach Einführung einer demokratischen Regierungsform 1990 kam es zu einem Wiedererwachen nationalistischer Gefühle, was in einem bald gefassten Parlamentsbeschluss zur Wiedereinführung der „alten“ uigur-mongolischen Schrift ab 1994 zum Ausdruck kam. Es wurde jedoch damals unterschätzt, welche ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen dies nach sich ziehen würde, so dass es zu einer Umsetzung des Beschlusses wohl nicht mehr kommen wird. Während bei den mongolischen Völkern Russlands heute modernisierte kyrillische und in der VRC großteils das uigur-mongolische Alphabet in Verwendung steht, kam es in beiden Länden im 20. Jhdt. zu zahlreichen Schriftreformen oder -versuchen unterschiedlichster Schriftsysteme (vgl.  Arai 2006, vgl. Minglang Zhou 2003).



Otgonbayar Chuluunbaatar studierte Mongolistik sowie Linguistik in Ulaanbaatar (Mongolei) und Hokuriku (Japan). Lektorin an der Universität für mongolische Studien in Ulaanbaatar. In Österreich als Dolmetscherin, Sprachlehrerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.


Obiger Artikel stellt einen ausgearbeiteten Teilaspekt aus dem kürzlich erschienenen Buch der Autorin mit folgendem Titel dar: Otgonbayar Chuluunbaatar (2008): Einführung in die mongolischen Schriften. Hamburg, Buske Verlag.


Der Textbeitrag dieses Artikels erschien erstmalig in der Zeitschrift „Die Maske – Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie“, No. 4, Jänner 2009.


Literatur:

Arai, Yukiyasu (2006): Integration and Separation of Language: Language Policies of Mongolian Peoples in the UdSSR and Mongolia, 1920-1940. Slavic Eurasian Studies No. 10, S. 309-334, URL src-h.slav.hokudai.ac.jp/coe21/publish/no10_ses/11_arai.pdf [3.4.2008].
Chuluunbaatar, G. (2006): Philosophy and Socio-Political Thought. In: IISNC (Hg.): History and Culture of the Mongols. Ulaanbaatar, S. 298-300.
Kara, György (2005): Books of the Mongolian Nomads. More than Eight Centuries of Writing Mongolian. Indiana University, Research Institute for Inner Asian Studies, Bloomington.
Minglang Zhou (2003): Multilingualism in China – The Politics of Writing Reforms for Minority Languages 1949–2002. Berlin, de Gruyter.
Rinchen, B. (Hg.), (1979): Mongol ard ulsyn ugsaatny sudlal. Xelnij shinzhlelijn atlas / Etnolingvisticheskij atlas MNR / Atlas ethnologique et linguistique de la Republique Populaire de Mongolie. Ulaanbaatar, BNMAU.
Shagdarsüren, C. (2001): Mongolchuudyn üseg bichigijn tovchoon / Study of Mongolian Scripts. Bibliotheca Mongolica: Monograph 1, Ulaanbaatar, Urlax erdem.
Tumurtogoo, D. (Hg.), (2006): Mongolian Monuments in Uighur-Mongolian Script (XIII-XVI Centuries). Institute of Linguistics, Academia Sinica, Language and Linguistics Monograph Series Number A-11, Institute of Linguistics, Taipei.


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