Nomadismus > Die Produkte > Filz > Filzmanufakturen > 
22.11.2017 : 23:23 : +0100

Schafschur

 

Text: Eike Seidel

Während in der Bundesrepublik Deutschland die Schafe nach dem Winter zwischen Ostern und spätestens Mitte Mai geschoren werden, findet die Frühjahrsschur in der Mongolei meistens Anfang Juni statt, wenn die Gefahr langen Frosts nicht mehr besteht. Tagelang kommen die Nachbarn zusammen, um den ganzen Tag über Schaf um Schaf vom Winterpelz zu befreien.

Doch auch im Hochsommer, also im August, können die Schafe noch ein zweites Mal geschoren werden. Diese Sommerwolle ist feiner als die Winterwolle und die Zeit bis zum Frost reicht aus, damit die Tiere wieder einen Winterpelz entwickeln. Die Aufnahmen stammen von Anfang August 2006, als wir beim ehemaligen Staatsgut Bornuur nördlich von Ulaan Baatar in den Bergen nach den Nachkommen der aus der DDR eingeführten schwarzbunten Kühe fahndeten.

Schafschur in den Bergen hinter Bornuur; Copyright 2006 Sabine Haluszka-Seidel

Die Schafe werden an den Vorderbeinen gefesselt und zum Scheren auf eine Plane gelegt.

Copyright 2006: Sabine Haluszka-Seidel

In völliger Ruhe lassen die Schafe dann die Prozedur über sich ergehen. Sie werden auf eine Plane glegt, damit die Wolle nicht noch mehr verschmutzt. Im ganzen Juni sieht man überall auf dem Land große LKW mit Schafwolle in Richtung UB fahren. Doch für die Nomaden lohnt sich der Verkauf der Wolle fast nicht mehr.

Deutlich sind die großen einfachen Scheren zu sehen; Coparight 2006: Sabine Haluszka-Seidel

Das Lockern der Wolle

Der erste Schritt der Filzproduktion besteht nach dem Scheren der Schafe im Lockern der Wolle. Die Wolle der mongolischen Schafe ist extrem dicht und in dicken Strähnen zusammengeklebt, aus denen sich ohne weitere Bearbeitung kein gleichmäßiger Filz herstellen ließe. Zudem sind diese Strähnen durch Kot verunreinigt oder durch kleine Zweige oder ähnliches.

Im ersten Schritt wird nun die Wolle gereinigt und es werden die Strähnen in einzelne Fasern aufgetrennt. Dabei zeigen historische Aufnahmen, dass sich an diesem Verarbeitungsschritt nahezu nichts geändert hat.

Aufname von Ferdinand Lessing um 1920

Ganz ähnlich sahen wir diese Arbeit 2002 in der Nähe von Ulaan Gom. Stundenlang wurden im Takt die Gerten geschlagen, wobei immer einer der Beteiligten herumging und die Mützen mit Wasser tränkte gegen die Gefahr eines Sonnenstichs.

Copyright 2002: Sabine Haluszka-Seidel

Filzmanufaktur in Khujirt

2010 hatten wir in Khujirt die Gelegenheit, eine erste Filzmanufaktur zu besichtigen. In einem großen, von den üblichen großen Bretterzäunen umgrenzten Grundstück, hatt sich eine "Fabrik" gegründet. Angeblich hatten die Besitzer die vielen Landmaschinen, Trasktoren, Pflüge usw. nicht aus dem alten sozialistischen Negdelvermögen angeeignet, sondern hatten die gesamte Fabrik aus eigener Kraft aufgebaut.

Die Filzproduktion fand in einem düsteren Gebäude in einer Ecke des Grundstücks statt. Die Produktionsanlage bestand aus drei Arbeitsgängen: Dem Kardieren der Wolle, dem Vorbereiten der Filzrolle und dem eigentlichen Filzen, das in den Manufakturen in einer Trommel mit etwas zwei Metern durchmesser und einer Länge von ebenfalls zwei Meter vollzieht.

Die Kardierwalze, Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel

Immer und immer wieder wird das Schafvlies durch diese Kardiertrommel aufgerissen, werden die Fremdstoffe dadurch ausgesondert und die dicken Strähnen in feine Fasern zerteilt.

Der nächste Schritt besteht darin, diese feine aufgelockerte Wolle so auf einem Trägerstoff - meist einem alten zerschliessenen Filz verteilt. Dazu existiert eine glatte Holzfläche von zwei Metern Breite und fünf Metern Länge. Die Wolle wird verteilt und genässt.

 

Filzvorbereitung; Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel

Die ausgelegte Wolle wird in eine Rolle gewickelt, zusammengebunden und die Trommel gelegt. Diese dreht sich etwa 10 mal in der Minute, wobei die Filzrolle durch eine Zunge im Trommel-Inneren durch deren Drehung immer wieder auf etwa zwei Drittel der Höhe hochgeboben wird und dann mit einem ohrenbetäubenden Knall in der Trommel nach unten fällt. Der ganze Vorgang dauert etwa eine Stunde und die Filzbahn ist fertig.

Filztrommel in Khujirt; Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel

Nach dem Filzen werden die Filzmatten zum Trocknen ausgelegt. 

Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel

Filzmanufaktur im Bogd Sum

Der Bogd Sum ist im südlichen Bayankhongor Aimag am Tuuin Gol, einem der aus dem Khangai kommenden Flüsse, der in regenreichen Jahren den Orog Nuur, einen der abflußlosen Salzseen der Gobisenke speist. 2010 war ein solches regenreiches Jahr; der Fluß hatte eine Tiefe von bis zu eineinhalb Metern und lud zum Baden in der ansonsten nahezu regenlosen Gegend. Und in Bogd tut sich etwas: Gestützt auf einen 5-Jahres-Plan zur Entwicklung des Aimags und großer Unterstützung durch Gelder von "World Vision" wird im Somon gebaut. Die neuen Häuser haben alle ein ausgebautes Dachgeschoss. Einige Gärtnereien mit Tropfbewässerung sind im Entstehen, angeblich soll es mechanische Werkstätten geben, ein Projekt zur Produktion von traditioneller Kleidung usw. Und eben eine Filzmanufaktur, die in einem alten  Futtermittelgeäbude aus ehemaligen Genossenschaftzeiten untergebracht ist.

Auch hier ist die Filztrommel die zentrale "Maschine" der Fabrik.

Die Filztrommel in Bogd; Copyright 2010 Sabine Haluszka-Seidel

Der Filz wird je nach verwendeter Wolle in verschiedenen Naturfarben hergestellt. Der in Bogd hergestellt Filz hat eine hervorragende Qualität.

Fertige Filzmatten im Bogd Sum; Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel
Der Autor, unser Dolmetscher, der Produktionsleiter und der stellvertretende Bürgermeister von Bogd vor der Filzproduktion, Copyright 2010: Sabine Haluszka-Seidel

Diese Filzmatten eigenen sich vor allem zur Isolation der Jurten. Zum "Betrieb" einer normalen Jurte wird pro Jahr die Wolle von etwa 30 Schafen benötigt. Soll der Filz aber zu etwas anderem verwendet werden, etwa als Decke oder Teppich, so muss die Struktur verstärkt werden; sonst würde der Filz relativ schnell wieder auseinanderfallen. Aus dieser Notwendigkeit hat sich die Kunst des Filzstickens entwickelt, die es je nach Volksgruppe und Gegend zu einer enormen Vielfalt von Mustern gebracht hat.

In der Gegend um Bogd Sum gibt es eine Reihe von Ails (Jurtensiedlungen), in denen diese Kunst des Filzstickens ausgeübt wird.